Exerzitien in coronäischen Zeiten

„In coronäischen Zeiten sind wir dem nah, was Advent tatsächlich ist“:
habe ich vor einem Jahr geschrieben. Nun, zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie, finden wir uns erneut in einem coronäischen Advent wieder.
Was also ist geworden,
aus der Sehnsucht, dem Trost, der Erwartung und vor allem:
der Zuversicht?
Darum gibt es in diesem Jahr ein neues Exerzitienprogramm zum coronäsichen AdventNicht einfach eine Wiederholung, weil sich die die Situation wiederholt,
sondern etwas Neues, um dem Gefühl der Entmutigung zu begegnen
und neu aufzuleben.

Was passiert in einem Mitbring-Gottesdienst zum 1. Advent?

„Was passiert eigentlich bei einem Mitbring-Gottesdienst?“
wurde ich letztens gefragt. Nun, alle sind eingeladen, etwas mitzubringen,
unabgesprochen, unverplant, da, wo es seinen Platz findet.
Am ersten Advent waren das zum Beispiel:

Musik mit Gambe und Klavier,
mit Gambe und Saxophon, Gambe und Violine
sowie mit Harfe
Harfe, Flöte und Gitarre zur Begleitung von Liedwünschen
Eine Stern-Andacht zum Finden in den Gottesdienst und in den Advent
Aktionen und soziales Handeln: Kinderwünsche, die Obdachlosenhilfe Gasthaus
Lebensgeschichte erzählen: Verluste und sich zurecht finden
Daraufhin einer Hoffnungs-Geschichte zuhören
Gedanken zur aktuellen Lage mit dem Lied: O Heiland reiß die Himmel auf teilen
und die Bibel teilen mit Versen aus Jesaja: Barmherzig will ich sein!
Das Lied „Lasst euch anstiften zur Freude“ hören und singen,
samt einer zur Freude anstiftenden Verteilaktion mit Text und Kerze
„Ich habe einen Stern gefunden“: so schließt sich der Bogen.
So können wir Lichtworte mitnehmen,
und einen guten Segen

9einhalb Thesen

Gott ist ein schöpferischer Gott, voller wunderbarer Ideen für eine lebenswerte Welt.
Jesus Christus zeigt uns Menschen den Weg, darin sinnvoll und heilsam zu leben.
Im Heiligen Geist wird Gottes Liebe und Kraft auch in uns wirksam, jeden Tag neu.

Was also braucht es hier und heute, in dieser Zeit milliardenfacher Thesen- und anderer Anschläge, was sowohl das Geschäftsmodell für die Großkonzerne der Digitalisierung ist als auch das Versprechen individueller Sichtbarkeit und Selbstwirksamkeit
und die darum jeden Tag, jede Stunde, jede Minute Öffentlichkeit suchen und beanspruchen?
Wie stets, damals und heute, braucht es das Evangelium in Wort und Tat,
um die Welt zu verändern und die Kirche zu erneuern.

Was ist das: Das Evangelium?
Es ist die zugleich revolutionäre wie tragfähige Botschaft, dass wir ja gar nicht
die furchtsam ausgelieferten, die ums Heil feilschenden, 
die ums Überleben kämpfenden, die an Traditionen und Institutionen geketteten,
die an Scheitern und Schuld zu messenden,
und auch nicht die selbstgerechten, besserwissenden, alles beurteilenden Menschen sind, sondern Menschen eines Neuen Weges in Jesus Christus.

Was das heißt: Neuer Weg?
Nicht auf den Staat, nicht die Angst, nicht die Empörung, nicht YouTube, nicht die Anzahl der Sternchen oder die Quote kommt es an, sondern auf das Bündnis von Freiheit und Verantwortung – und dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen.

Darum sind wir gefordert, uns zu reformieren – wir müssen uns neu und unangepasst formieren: Vollkommen unperfekt – Willkommen in der Auferstehungskirche!

Gemeindeerneuerung kommt daher nicht aus den neuen Technologien und nicht mit den neuen Technologien, sondern aus dem Evangelium und mit der Kraft des Heiligen Geistes. Das schließt aber die kreative, ja queere, Nutzung dieser Technologien ebenso ein wie die Kritik daran.

Selbstbedienungsgottesdienste aus dem YouTube-Supermarkt, auf den Geräten daheim in den Schlaf- und Frühstückszimmern, Wellnessangebote geistlicher Eitelkeiten oder die Tipps des Tages zur rechten und frommen Selbstorganisation meines Lebens, Eventkirche und Ambientefeierlichkeiten, Kleingruppen und Zoomkacheln, Mentimeterkirche und schon sind alle beteiligt, globale Zuschauer:innen im Stream unserer Möglichkeiten, abgeschaltet und zugeschaltet – die Quote zählt was zählt – oder mahnend das Altvertraute und Bewährte besser stets bewahren?
Wir werden wirr in der Menge der Möglichkeiten und Versprechungen, wo uns doch schon die coronäischen Zustände und Umstände und Bedingungen durchgeschüttelt haben.

Start-Up, das betrifft ja wohl auch uns als Gemeinde.
Also legen wir los, Dinge zu tun, auf die es ankommt und die gerade darum ankommen.

Was sollen wir warten, dass Menschen den Hintern hochkriegen oder sich berufen fühlen angesichts der (Über-)Fülle der ganz konkreten Aufgaben für uns als Christ:innen und als Auferstehungskirche in unserer Welt und in unserer Nachbarschaft?
Wir müssen selber anfangen und wir müssen uns öffnen für Menschen von den Hecken und Zäunen – und Ufern, so wie auch Jesus selbst zu Fischern gegangen ist.

Eben darum sage ich: Reformator:innen gesucht!

Reformator:in gesucht!

Ich bitte Dich, werden sie sagen: „Von Anschlägen haben wir wahrlich genug.
Jährte sich nicht 9/11 in diesem Jahr zum 20sten Mal – und mussten wir nicht in all den Jahren und all den Zeiten immer wieder Schlimmstes erleben, bei all diesen Anschlägen – gerechtfertigt mit Religion und Ideologie und anderem Wahn?“

Wollen wir also wirklich unsere Thesen für eine erneuerte Kirche an die altehrwürdigen Türen anschlagen? – Und seien es nur neuneinhalb.

Denn wer weiß schon noch, was da geschrieben stand,
in diesen vielen Thesen, die Martin Luther da einst anschlug?

So dass man fragen könnte:
War es das Wort, oder war es die Tat, wodurch die Welt verändert wurde?
Und was braucht es hier und heute, in dieser Zeit milliardenfacher Thesen
und anderer Anschläge, die jeden Tag, jede Stunde, jede Minute
Öffentlichkeit suchen und beanspruchen?

Wie stets, damals und heute,
braucht es das Evangelium in Wort und Tat,
um die Welt zu verändern und die Kirche zu erneuern.
Und Reformator:innen, die Hand und Wort anlegen.

Darum will ich auch nicht aufgeben, außer vielleicht eine Anzeige:
Reformator:innen gesucht – für eine nach-coronäische Welt,
samt ihrer Sehnsucht nach Sinn und Verstand,
und nach einer Kirche, die aufbricht.

Und übrigens…

Wäre es denn nicht tröstlich, hilfreich und auch geschickt,
wenn die, die immer wieder austicken, sich mal was sagen lassen?
Und wenn die, die ständig Bedenken tragen,
auch wenn und weil sie manchmal nicht ganz bei Trost sind,
eben gerade diesen Trost bekämen,
damit sie wissen, dass sie nicht alleine dastehen?
Und wie wäre es,
wenn selbst die, die „es nicht glauben wollen“,
sich trotzdem gut aufgehoben fühlen?
Und wenn die, die nicht mehr können,
nicht auch noch immer mehr müssen?
Wäre das nicht wunderbar?

Es ist doch sicher jeder und jedem von euch klar,
dass Geduld nicht plötzlich kommt
und Hass nicht mit Hass zu überwinden ist.

Es kommt darum vielmehr darauf an,
dass wir unseren Nachbar:innen ebenso Gutes tun wie uns selbst,
weil wir tun, worauf es ankommt, oder? Ohne Unterschied.

Es dient dem Leben übrigens mehr,
wenn die Nörgelei allenfalls mal die Fröhlichkeit unterbricht
– und nicht umgekehrt.
Mit Gott ständig in Verbindung zu bleiben
ist doch allemal besser als das verzweifelte Stoßgebet.
Wir können all unsere Bitten ja vor Gott bringen,
wenn wir ihm eh gerade Danke sagen.

Es hilft im Übrigen gar nichts,
wenn ihr ständig bloß Bewertungen abgebt,
über euch oder andere,
oder wenn ihr Vernunft oder Einsicht verächtlich macht.
Öffnet Euch lieber für Gottes Kraftwirkungen,
und verschließt euch nicht vor der Einsicht
in die Wirklichkeit und Wechselwirkungen dieser Welt
– und dem, was daraus folgen mag. 

Denn nur so könnt ihr herausholen und fördern, was dem Leben dient
– und die Unheilszusammenhänge durchbrechen.

Kurzum:
Gott ist ein Gott des Friedens!
Darum ziehe er euch zu sich und präge euer Leben
im Großen und im Ganzen – und im Kleinen auch,
damit ihr heil werdet an Geist, Seele und Leib,
und bewahrt bleibt vor allem Schaden
und so, dass auch niemand anderes durch euch zu Schaden kommt.
Denn so kann mit Jesus Christus
die neue Welt Gottes und seine Gerechtigkeit kommen und gegenwärtig sein.

Was für ein Segen:
Du bist geschickt von Gott,
gesandt und befähigt!
Gott aber ist treu: Er wird all das möglich machen!
Amen.

1. Thessalonicher 5,14-24

Elementarschäden

Nein, Gott ist nicht im Feuer,
Nicht im Sturm und nicht im Erdbeben – und auch nicht in der Flut.

Von alledem hält Gott sich fern:
wir sollen die Mächte der Schöpfung und dieser Welt nicht verwechseln
mit der Macht Gottes.

Doch sind da gerade jetzt die Stürme und die Fluten,
Die Hitze, die Dürre und das Feuer – und die Seuche…
Und wir haben keine Macht, sie zu bändigen.

Erst haben wir die Erde rücksichtslos ausgebeutet,
Verehrer des Mammon,
dann haben wir uns besorgt gefragt, ob die Ressourcen reichen für uns,
Verehrer des Mammon

heute ahnen wir, wie stark wir eingegriffen haben
in die Schöpfung:
den Auftrag Gottes zu unseren Gunsten interpretiert haben,
zu Gunsten des Mammon.

Wenn wir nun aber nicht mehr nach Gott fragen,
sondern nur einander feurig bebend Verantwortung zuschieben,
und Elementarschädenversicherungen abschließen,
gegen unsere Elementarversicherungsschäden,
werden wir dann noch
das sanfte Säuseln seiner Gegenwart hören,
dem Engel begegnen, der sagt:
Steh auf und iss, denn dein Weg ist weit!
und
werdender uns dann noch
der Frage stellen können:
Warum bist du hier? Was ist zu tun?

-> 1. Könige 19

Prophetenbengel

Als die Wogen hochgingen, Wind und Wetter sich als stärker erwiesen,
als all unsere Technik und Erfahrung,
da losten wir aus, wer schuld ist,
auf wen wir mit dem Finger zeigen könnten
wer über Bord gehen sollte,
den Sündenbock,
auf dass wir gerettet würden.

Da traf es einen, der war mit der Botschaft einer Umkehr beauftragt,
geschickt vom Himmel, mehr noch als Regen und Sturm.
Macht nicht so weiter, sollte der sagen,
kehrt um, sollte er mahnen,
lebt nicht auf Kosten der Armen und verehrt nicht Profit, Macht und Prestige.
schuftet nicht für Dinge, sondern für Menschen,
baut nicht auf Waffen, sondern miteinander,
öffnet euch für die Not.
sucht nicht das Eure, sondern Gott.

So sollte er sagen. Doch zog er es vor, zu schweigen:
Instrumentalisiere doch nicht das Unglück, hörte er sie sagen,
du links-grün-versiffter Prophetenbengel,
willst uns nur Vorschriften machen!
Es wird so schlimm nicht werden…

Hat er uns nicht alle in Gefahr gebracht?

Hat er uns nicht alle in Gefahr gebracht,
durch seine Flucht vor der Wirklichkeit?
Soll er doch untergehen, damit wir leben können. 

Wandel

Der Kälte ist die Hitze gefolgt, wie begrüßenswert war der Wandel,
und doch ist es schon wieder zu viel

Der Ausgangssperre ist die Öffnung gefolgt, wie begrüßenswert war der Wandel
und doch ist es schon wieder zu viel.

Den Regeln folgt Freiheit, wie begrüßenswert ist der Wandel
Und doch ist es jetzt schon zu viel, 

Der Distanz folgt Präsenz, wie begrüßenswert ist der Wandel,
Und doch ist es jetzt schon zu viel.

Welcher folgenreich begrüßenswerte Wandel 
wird uns also als Nächstes zu viel werden?

Pfingsten: Wir haben Netz…

Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, so lautet die Verheißung.
Wir aber wissen: Wer Empfang haben will braucht Netz. Vor 2000 Jahren waren die Anhänger*innen Jesu in Jerusalem alle an einem Ort versammelt, so heißt es. Volle Netzabdeckung für alle also – kein Wunder daher, das Pfingstwunder.
Von dort aus hat sich die Botschaft von der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus ausgebreitet. Die Menschen des Neuen Wegs haben begriffen: Wir sind, so unterschiedlich wir auch sind, verbunden: Mit dem Geist Gottes und durch den Geist auch untereinander. Selbst wenn wir unterschiedliche Systeme unterschiedlicher Herkunft nutzen, verschiedene Architekturen bevorzugen, andere Kontakte pflegen, Erfahrungen, Erlebnisse und Überzeugungen teilen oder gar Sprachen sprechen: Der eine Geist ist die unverfügbare Gabe Gottes, sein Beistand und seine Zuwendung. So aber, indem Gott selbst sich in uns Menschen zur Erfahrung bringt, vernetzt er uns zugleich zu einem Netz, das uns trägt, indem wir einander ergänzen, begeistern, inspirieren, helfen und tragen. Denn die Liebe Gottes kann durch dieses Netz fließen und wirksam werden, das vom Vertrauen in die Treue Gottes getragen wird und so die Hoffnung auf die neue Welt Gottes verbreitet. Darum müssen wir weder die Hände in die Luft heben noch die Anzahl der Sendemasten erhöhen, um Anschluss und Empfang zu haben, sondern uns öffnen für Gottes Wirklichkeit und uns dann auf den Weg machen – auch und gerade dahin, wo der Empfang nicht gut ist.