Lasst uns die Welt ins Gebet nehmen

Lasst uns die Welt ins Gebet nehmen,

wo der Friede und die Gerechtigkeit,
und das Recht auf Leben zerstört und verraten werden.
Lasst uns die Liebe zum Leben,
zur Barmherzigkeit und die Solidarität
mit dem Menschen neben uns
verteidigen und hochhalten

Lasst uns die Welt ins Gebet nehmen,

wo das Recht vor die Hunde geht,
das Recht auf unvergiftete Nahrung,
auf klares Wasser, auf saubere Luft,
lasst uns einen Aufstand wagen,
für uns und für kommende Generationen.

Lasst uns die Welt ins Gebet nehmen,

wo Gott verloren ging,
lasst uns nach ihm suchen,
lasst uns Geschichten erzählen
von einem neuen Himmel und einer neuen Erde,
in denen Gerechtigkeit herrscht
und von der alten Schöpfung,
von der es heißt: Und siehe, es war alles sehr gut.

Lasst uns die Welt ins Gebet nehmen,

im Namen Gottes,
im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Unsere Hilfe kommt von dem Gott
der Himmel und Erde gemacht hat.

Friedrich Reiffen

Die Welt ins Gebet nehmen, das ist das Thema unserer regelmäßigen
Haltestelle für den Frieden,
jeden Monat um 18 Uhr mitten in Eving,
neben Rossmann und gegenüber der Haltestelle Minister Stein

Das kann ich im Schlaf:

den Psalm 23 aufsagen
und die frühere Festnetznummer meiner Freundin,
die Charaktere meiner Lieblingsserie aufzählen
ein Musikstück spielen,
Matheaufgaben lösen,
Socken stricken,
den Weg finden,
Krabben pulen,
Geld verdienen,
schnarchen,
wandeln,
das Vaterunser runterbeten,

nur schlafen,
kann ich nicht… 

Ausgeflippert

In früheren Zeiten standen sie in Kneipen,
diese bunten, bimmelnden, blinkenden, rasselnden, scheppernden klackenden, klingelnden Tische
an deren Kanten geklammert
ruckelnd und stoßend
wir versuchten, die mit Geschick ins Spiel gebrachte Kugel
so lange in eben diesem Spiel zu halten wie irgend möglich,
damit sie da und dort aneckt und Anstoß erregt,
hin und her geschleudert zwischen Bumpern, Slingshots, Targets und Ejects
Punkte sammelt,
hin und wieder hoch katapultiert
von den Flipperfingern
bevor sie dann doch ab durch die Mitte
der Schwerkraft folgend im Bauch des Tisches verschwindet: Game Over.

Geschick oder Schicksal, beides war immer eng verbunden beim Flipperautomaten,
die Dinge beherrschen oder ihnen ausgeliefert sein,
öffentliches Spielen und heimlicher Triumph,
HighScore oder wenigstens durchhalten.
Der Flipperautomat gilt daher auch als Metapher für das Leben
Wir sind ja hin und her geworfen,
wie eine Kugel im Flipperautomaten:
Aktuell zwischen Krieg, Krisen und Corona:

So fern uns der Krieg gerückt ist,
mordet Russland weiter, wir lesen, sehen, hören vom letzten Terrorangriff,
gleich nach dem vorletzten und gleich vor dem hinterletzten
und es fällt uns schwer, dagegen zu halten.

Mitten in der Sommerhitze reden wir über das Frieren im Winter
zuhause, in Büros, in Schulden und Universitäten.
Ob Kirchen noch heizen dürfen im Winter?

Vor einem Jahr hat uns die Flutkatastrophe überrascht und viele Menschenleben gefordert,
in diesem Jahr brennt es einmal mehr an allen Ecken und Enden.

Trotz Sommer, aber ohne Beschränkungen auf Konzerten, in Geschäften,
sind auf einmal viele erkrankt,
Hieß es früher noch hämisch: Kennst Du einen, der Corona hat?
So muss es heute wohl heißen: Kennst Du einen, der kein Corona hat?
Die coronäischen Zeiten sind noch lange nicht vorbei.

Selten einmal kam es mir so sehr vor, getrieben zu sein – wo uns doch schon die vergangenen coronäischen Jahre die Bedingungen unseres Lebens diktiert haben.
Kaum etwas geht ruhig seinen Gang,
kommt zu sich oder in die Weite.
Wo sind Befreiung und Gerechtigkeit?
Es wurde Abend und Morgen – ein neuer Tag:
Ja ist das nun eine Chance
oder eine Drohung?

Wer ist es, der uns im Spiel hält und wieder hoch wirft,
wo wir gerade nicht fliegen können aus eigener Kraft,
sondern der Schwerkraft folgen und den Abstoßeffekten dort, wo wir anecken.
Selbst die kleinen Ruhekuhlen spucken uns wieder aus
– und weiter geht die wilde Fahrt.

Gott ist es nicht, der uns ins Leben schießt,
um mit jedem neuen Menschen einen neuen Highscore zu erzielen,
er spielt nicht mit uns,
sondern ist mit uns auf unseren Wegen,
begegnet uns da und dort, damit wir eine neue Richtung einschlagen,
fängt uns auf, wenn wir fallen,
hält uns, wenn wir losgelassen sind
und behält den Überblick. 

Es tut gut, sich auf Gott verlassen zu können,
Ihn an unserer Seite zu wissen.
Denn wir brauchen ja Ruhe für unsere Seelen
und für unsere Körper auch.

Entspannung…

Entspanne uns, Gott,
wo wir es nicht mehr aushalten, zerrissen zwischen Wollen und Können

Entführe uns, Gott,
aus der Versuchung, wo wir gefangen sind in Zwängen und Ängsten

Entfalte uns, Gott,
wo wir verknittert, verkrümmt und zerknüllt sind vom Leben

Entwickle uns, Gott,
aus den Verstrickungen von Schuld und Tod, von Leid und Not

Entwerfe uns, Gott,
wo wir schon fertig sind mit uns und allem

Entberge uns, Gott,
die Weisheit und die Liebe, die verborgen ist im Reden und Tun der Menschen

Entschuldige uns, Gott,
aber wir haben gerade Wichtigeres zu tun…

Hierhin, Atem!

Hierhin! Atem!
Atem des lebendigen Gottes,
Atem der Zuversicht, des Lebens, der Fülle: Komm
und durchdringe unsere Körper, belebe unseren Geist, stärke unsere Seelen,
richte uns auf, gib Kraft und Ausdauer,
und fache an die Flammen der Liebe!

Wir haben die Ansteckung gefürchtet,
Münder und Nasen bedeckt,
die Luft angehalten beim Leichtsinn anderer Menschen.
Uns ist die Puste ausgegangen
von all den Lasten und den langen Tagen,
Krieg liegt uns auf der Brust,
wir sind allergisch gegen Unrecht, die Gewalt schnürt uns die Kehle zu.
Vergiftet die Atmosphäre vom Abgas unserer Worte und Taten,
drückend, das Klima der Selbstgerechtigkeit,
wir ersticken in Wortlawinen des Hasses und des Bewertungswahns.
Müde sind wir geworden in Herzen, Hirnen, Händen
drum hierhin, Atem! Komm!

Atem der Zuversicht, des Lebens, der Fülle: 
Durchdringe unsere Körper, belebe unseren Geist, stärke unsere Seelen,
richte uns auf, gib Kraft und Ausdauer,
und fache an die Flammen der Liebe.

Hierhin, Atem! Komm!

neues Lied?

Warum nur
will Gott ständig neue Lieder
sind denn die alten ihm nicht gut genug?
Was heißt denn neu: Ihm unbekannt?
Uns unbekannt?
Gibt es tatsächlich Dinge, die ihm „neu“ sind,
auf die er gar „neu-gierig“ ist?
Geht es ihm wie uns, die sich nie zufrieden geben,
mit den Hit-Paraden aller Zeiten und aller Orte?
Muss darum stets was Neues her?

Was hört denn Gott am liebsten:
Der Engel helle Lieder?
Bachchoräle, Bachkantaten?
Doch sind die ja schon fast so alt
wie die Psalmen.
Dann doch wohl Worship, Lobpreis, Anbetung
vielleicht, weil er sich dann geschmeichelt fühlt,
so groß und hoch erhoben,
dort oben, auf dem Thron.
Wie es wohl ist, wenn Gott mal einen Ohrwurm hat?
Hört er denn dann noch unser Singen oder Beten?
Muss darum stets was Neues her?

Was ist den mit dem Lied der Mirjam, der Hanna oder der Maria,
hat sie es ihm ins Ohr gesungen, damit er einschläft,
in dem Rummel dort im Stall und auf der Flucht?
Was sang er bei der Arbeit, auf der Hochzeit oder mit den Freunden?
Sangen sie nicht Loblieder, bevor sie zum Ölberg gingen,
in der Nacht,
in der er verraten wurde?
Muss darum nun was Neues her?

Und welchen Klang hat wohl der Schnee, wenn er auf Wiesen fällt,
und welchen Blumen, wenn sich Knospen öffnen:
den Klang der Auferstehung?
Muss darum nun was Neues her?

Und wenn nun heute Morgen alle ihre Lieder sängen,
hier und dort und drüben auch, rund um die Welt
wie das wohl klingt in seine Ohren?
Das Durcheinander aller Lieder, das ist wohl immer neu?

Dein Lied in Gottes Ohr!
Warum nur
will Gott neue Lieder?

9. Mai

Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schumann vor, die Kohle- und Stahlindustrien Frankreichs und Deutschlands einer gemeinsamen, europäischen Behörde zu unterstellen. Die für Kriege benötigten Industrien sollten gemeinsam verwaltet werden, damit sie nicht wieder gegeneinander in Stellung gebracht werden könnten:
Nie wieder.

Schumanns Erklärung beginnt mit den Worten:
„Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen,
die der Größe der Bedrohung entsprechen.“

Andere Staaten sollten sich dieser Idee anschließen, denn, so Schumann:
„Diese Produktion wird ohne Unterschied und ohne Ausnahme der ganzen Welt angeboten, mit dem Ziel, zur Anhebung des Lebensstandards beizutragen und friedliche Errungenschaften zu fördern.“
Das ist der Kern, die Idee und die Aufgabe der EU – fast hätten wir es vergessen.
Darum leuchten heute, am Europatag, viele Gebäude in Dortmund und auch unsere Auferstehungskirche in Blau.

Der EU-Ratspräsident Michel musste heute in Odessa jedoch Schutz suchen vor russischen Raketen.
Friede ist demnach eine Aufgabe, die für viele Machthaber und Staaten dieser Erde wie für Russland, Putin und Co. offenbar zu groß ist. Denn sie erfordert Klugheit und die Bereitschaft, etwas aufzugeben oder gar zu teilen. Und zwar nicht die Verklärung glorreicher Siege der Vergangenheit oder der jederzeit bereitliegende Stempel „Nazi“. 

Zu teilen ist vielmehr die Ermöglichung einer gemeinsamen Zukunft, die nicht mit Waffengewalt herbei gezwungen werden kann und nicht mit Unterdrückung sowie Sprech- und Denkverboten zu verwechseln ist. Denn Friede ist eine Aufgabe – im doppelten Sinn:
Die Aufgabe, Lebensraum, Platz zum Leben und für gelingendes Miteinander zu schaffen
und dafürdie Durchsetzung eigener Interessen mit Waffengewalt aufzugeben.
Friede ist also eine Aufgabe, die auf den Tag der Befreiung folgt und nicht das Eilen von Sieg zu Sieg, wie glorreich diese auch verklärt sein mögen.
Friede ist eine Aufgabe, die Freiheit erfordert.

Die Freiheit, auch Feinde zu lieben gehört wohl dazu, so schwer das sein mag.
Denn, so schreibt Paulus an die Menschen des neuen Weges in Galatien (Galater 5):
13 Ihr, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht einem selbstbezogenen leiblichen Leben Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. 14 Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«
15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu,
dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

Zum 1. Mai 2022

Lasst uns doch Demonstrant:innen der Liebe Gottes sein,
die der Gerechtigkeit zum Recht verhelfen,
und aufstehen gegen die Hassgestalten,
die Kriegstreiber, Despoten, Ausbeuter,

Lasst uns der Schöpfung Lebensatem sein,
nicht Diener der Zerstörung,
kreativ und aufmerksam,
dem Leben Raum zu geben, Not zu lindern.

Wir wollen Menschen des Neuen Weges sein,
damit Menschen den Ort finden oder bauen,
der Heilung und Versöhnung,
der Gerechtigkeit und Frieden möglich macht.

Den Frieden schützen

Den Frieden sollt ihr wie ein Licht
beschirmen und umhüllen,
legt ihn einander in die Hand,
so wird ein Schatz sie füllen…

Legt ihn einander in die Hand,
erwartungsvoll und offen
Habt sorgsam acht mit Wort und Tat
auf alles, das geschaffen.

Legt ihn einander in die Hand,
wie Brot, wenn wir es teilen,
Blickt allen freundlich ins Gesicht,
wir leben um zu heilen.

Legt euch den Christus in die Hand,
dass er den Maßstab setzte.
Macht Frieden, gebt den Frieden frei,
und teilt den Schatz der Schätze.

Und wie beim Mahl, wenn Hand mit Hand
sich formt zu einer Wiege
Empfangt und hegt des Herrn Geschenk,
dass Friede in euch liege.

Am Ostermorgen

am Ostermorgen
gilt ihre Hinwendung dem Grab
ihre Zuwendung dem Verstorbenen,
ihre Sorge dem Stein,
ihre Angst der Leere,
ihre Flucht der Wirklichkeit und
ihr Entsetzen dem Unbekannten.

Wohin fliehen, wenn das Grab leer ist?

Da steht plötzlich Jesus selbst vor ihnen und sagt: »Seid gegrüßt!«
Sie werfen sich vor ihm nieder und umfassen seine Füße.
»Habt keine Angst!«, sagt Jesus zu ihnen.

Geht, vertraut, erzählt, berichtet, ja verkündigt:
Ich lebe, und ihr sollt auch leben.
Bleibt nicht für Euch,
kalt, jeder einzeln, ungeborgen, schwer und traurig, ziellos, unauffindbar.
Macht Euch auf, werdet leicht und weit, berührt, angestoßen vom Licht…

Also los: Weg vom Grab!
Alles hinlaufen und hineinsehen hat keinen Sinn.
Was wollt ihr euch niederwerfen und an Jesu Füßen festhalten?

Macht euch auf, werdet licht, werdet leicht und weit,
verkündet den Frieden und die Revolution Gottes gegen den Tod.
Steht auf gegen Unregrechtigkeit und Krieg
lebt die Gerechtigkeit Gottes und die Liebe Jesu Christi
in Freiheit und Verantwortung
und in der Kraft des Heiligen Geistes.

Denn Licht bricht herein in das Dunkel der Gräber, Türen öffnen sich, Steine rollen aus dem Weg, Grenzen fallen, Zeit und Ewigkeit gehen ein Bündnis ein!
Da ist etwas radikal anders, neu, voller Energie:
wie ein Erdbeben,
dass die Todeswächter überwältig,
noch die dicksten Brocken einfach zur Seite schiebt,
Licht in das dunkelste Dunkel bringt und es vertreibt
als wäre dies der erste Tag der neuen Schöpfung
wo Gott spricht: Es werde!

Ein neuer Himmel, eine neue Erde
wimmelndes Leben, aus der Erde hervorgebracht
der Mensch nach Gottes Bild – endlich frei.